CANCEL CULTURE SCHÜTZT NIEMANDEN
- vor 8 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Warum ich im Wiener Gemeinderat die Ausladung von Peter Thiel bei den Wiener Festwochen kritisiert habe, obwohl ich seine Ideen für gefährlich halte.
Heute habe ich im Wiener Gemeinderat darüber gesprochen, was eine Gesellschaft aushält und was sie sich selbst noch zutraut. Anlass war die Ausladung von Peter Thiel bei den Wiener Festwochen. Meine Position dazu ist klar: Diese Ausladung war falsch. Nicht weil Thiel recht hätte, sondern weil man gefährliche Ideen widerlegt und nicht wegsperrt.
Ich bin kein Verteidiger Thiels, aber ein Verteidiger der Debatte.
Ich will gleich zu Beginn etwas klarstellen: Ich bin kein Anwalt von Peter Thiel. Im Gegenteil. Ich halte seine Ideen für gefährlich. Er ist ein Milliardär, der mit einer Überwachungsfirma reich und mächtig geworden ist, ein Mentor des amerikanischen Vizepräsidenten, ein Stichwortgeber jener Silicon-Valley-Rechten, die offen gegen die liberale Demokratie zu Felde zieht. Für mich als Liberaler ist Peter Thiel ein politischer Gegner.
Aber genau deshalb melde ich mich zu seiner Ausladung zu Wort, denn wer von der eigenen Position überzeugt ist, fürchtet das Gespräch nicht, er sucht es. Schlechte Ideen bekommen in der öffentlichen Debatte das, was sie verdienen: Widerspruch, offen, vor Publikum, mit Argumenten. Wir haben Peter Thiel aber nicht widerlegen können. Man hat ihn ausgeladen. Nicht, weil die Argumente fehlten, sondern weil der Druck zu groß wurde. Das hat einen Namen: Cancel Culture. Und sie ist nicht akzeptabel.
Haltung oder Angst?
Jede Künstlerin, jeder Künstler hat das volle Recht, nicht aufzutreten, neben wem auch immer. Das ist Freiheit. Aber wenn der Boykott zum Vetorecht über das Gespräch der anderen wird, ist das keine Freiheit mehr, dann ist das eine Moral, die sich anmaßt, für alle zu entscheiden, was noch gehört werden darf.
An die Adresse jener, die die Ausladung feiern und dabei von „Haltung" sprechen: Es ist keine Haltung, einen Saal leerzuräumen, bevor das erste Wort gefallen ist. Es ist Angst. Wer wirklich glaubt, dass Thiels Weltbild gefährlich ist – und das tue ich –, der müsste sich auf diese Debatte freuen.
Wer das Licht ausknipst, schützt nicht die Demokratie. Er beraubt sie ihres wirksamsten Werkzeugs: des Arguments. Echte Kulturfreiheit ist unteilbar, sie schützt Pussy Riot und sie schützt einen unbequemen Vortrag von Peter Thiel, oder sie ist gar keine Freiheit.
Und damit niemand von der FPÖ zu früh applaudiert: Wer die Ausladung Thiels beklagt und morgen selbst die Kultur ans Gängelband nehmen will, ist kein Freund der Freiheit, der ist bloß auf der anderen Seite derselben Schere. Echte Kulturfreiheit ist unteilbar. Sie schützt Pussy Riot und sie schützt den unbequemen Vortrag von Peter Thiel, oder sie ist keine Freiheit.
Die eigentliche Ironie: eine Republik, die sich selbst widerspricht.
Was für mich aber weit über die Ausladung von Peter Thiel hinausgeht, ist die Ironie dahinter: Die Wiener Festwochen haben sich zur „Freien Republik" ausgerufen. Mit Pathos, vor Zehntausenden am Heldenplatz. Mit eigener Hymne, eigener Flagge, eigener Verfassung. Sie haben einen „Rat der Republik" eingesetzt, ein Parlament der Kunst, selbst gefeiert als demokratisches Gegenmodell.
Schön, nehmen wir sie beim Wort: Dieser Rat hat getagt. Das Stimmungsbild legte nahe: Lasst die Debatte stattfinden. Externe Expertinnen und Experten sprachen sich einstimmig dafür aus. Die eigene Verfassung, die eigenen Räte, die eigene gefeierte Bürgerbeteiligung alle wiesen in dieselbe Richtung. Und dann hat die Geschäftsführung all das beiseitegewischt und abgesagt, was ihre eigenen Gremien zuvor klar empfohlen hatten.
Was ist diese Republik dann noch wert? Eine Republik – res publica, die öffentliche Sache – lebt davon, dass das Verfahren zählt und nicht der Druck. Wenn sie das beim ersten echten Konflikt vergisst, dann war sie nie eine Republik. Dann war sie Kulisse. Ein Bühnenbild der Demokratie, das zusammenklappt, wenn es ernst wird.
Die eigentliche Lehre dieses Falles ist nicht, dass Thiel nicht gesprochen hat. Sondern dass eine Institution, die den Pluralismus zu ihrem Markenzeichen gemacht hat, ihn im entscheidenden Moment verraten hat – nach genau dem Muster, das sie der „echten Republik" draußen so gerne vorhält: dass am Ende doch nicht das Verfahren zählt, sondern wer den Druck ausüben kann.
Mein Fazit
Eine liberale Kulturpolitik bevormundet das Publikum nicht. Sie traut den Bürgerinnen und Bürgern zu, ein gefährliches Argument zu hören und es selbst zu durchschauen. Sie verteidigt die Bühne gerade dann, wenn es unbequem wird. Wir haben es nicht getan, denn die die Wiener Festwochen haben uns um die Gelegenheit gebracht, im offenen Wort stärker zu sein als Peter Thiel. Das ist keine Stärke der Demokratie. Das ist ihre Selbstunterschätzung. Denn eine Freiheit, die nur das Genehme erlaubt, ist keine Freiheit, sondern Erlaubnis. Und wenn Kultur eines nicht braucht, dann ist es Erlaubnis.









Kommentare