FREIHEIT ALS KERN LIBERALER KULTURPOLITIK
- Thomas Weber

- vor 7 Stunden
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„Kultur ist nichts Sichtbares, sondern das unsichtbare Band, das die Dinge zusammenhält.“ Der französische Philosoph Joseph Joubert bringt damit auf den Punkt, was gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung besonders spürbar wird.
Wir leben in einer Zeit, in der politische, soziale und wirtschaftliche Gewissheiten brüchig werden. In der sich Gesellschaften neu orientieren müssen und dabei nicht selten auch an sich selbst zweifeln. Gerade dann ist Kultur mehr als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie ist jener Raum, in dem sich eine Gesellschaft selbst befragt, ohne sich dabei aufzugeben: offen, vielstimmig, lernfähig.
Kultur ist dabei nicht nur Bühne, Ausstellung oder Konzert. Sie ist ebenso der physische und ideelle Ort der Begegnung, des Austauschs, des Zuhörens. Ein Raum, in dem Unterschiede sichtbar werden dürfen, ohne sofort aufgelöst zu werden. Ein Raum der individuellen und gesellschaftlichen Selbstvergewisserung.
Warum Kulturpolitik so zentral ist
Kulturpolitik berührt im Kern die Frage, wie wir als Stadt miteinander leben wollen. Kultur ist eine der tragenden Säulen unserer Stadt. Sie hält zusammen, macht Wien unterscheidbar und entscheidet mit darüber, ob unsere Gesellschaft auch in Zukunft pluralistisch, demokratisch und lernfähig bleibt. Deshalb ist Kultur kein Luxus sondern eine gesellschaftliche Infrastruktur. Und wie jede Infrastruktur stellt sie eine zutiefst politische Frage: Wer hat Zugang?
Kulturpolitik als Öffnung von Räumen
Eine zeitgemäße Kulturpolitik schafft Räume, in denen Kinder nicht geprüft, benotet oder bewertet werden. In kulturellen Projekten, Workshops, bei Theaterarbeit oder in partizipativen Ausstellungen erleben Kinder, dass ihre Sichtweise nicht richtig oder falsch ist, sondern relevant. Dass Fragen erlaubt sind. Dass eigene Zugänge zählen.
Genauso schafft Kulturpolitik Räume, in denen ältere Menschen nicht an den Rand gedrängt werden, sondern aktiv am kulturellen Leben teilhaben können. In altersübergreifenden Angeboten und offenen Formaten wird deutlich: Kultur ist nicht an ein bestimmtes Lebensalter gebunden. Sie bleibt Teil öffentlicher Gemeinschaft.
Genau deshalb sind kulturpolitische Debatten so wichtig. Nicht, weil es um einzelne Projekte geht, sondern weil wir darüber sprechen, wie wir als Gesellschaft pluralistisch, lernfähig und demokratisch bleiben.
Vermittlung, Teilhabe, Diskurs
Moderne Kulturpolitik steht vor drei zentralen Aufgaben: Vermittlung, Teilhabe und öffentlicher Diskurs. Vermittlung heißt nicht, Kunst zu erklären oder zu bewerten, sondern Zugänge zu eröffnen. Menschen, insbesondere Kindern und Jugendlichen, zu zeigen, dass ihre Wahrnehmung zählt. Dass Kunst kein exklusiver Code ist, sondern ein offenes Angebot.
Teilhabe heißt, Kultur nicht auf jene zu beschränken, die ohnehin kulturell sozialisiert sind. Sondern bewusst Menschen in unterschiedlichen Lebensrealitäten anzusprechen: generationenübergreifend, niederschwellig, inklusiv.
Und Diskurs heißt, Kultur auch als öffentlichen Denkraum zu verstehen. Als Ort, an dem Fragen gestellt werden dürfen, ohne sofort beantwortet werden zu müssen. An dem Widerspruch erlaubt ist. An dem Kunst, Gesellschaft und Wissenschaft miteinander ins Gespräch kommen. Gerade für junge Menschen ist das entscheidend.
Wer früh erlebt, dass Denken öffentlich sein darf und Ambivalenz ausgehalten werden kann, wird später weniger anfällig für einfache Antworten. Kunst ist ein gutes Immunsystem.
Freiheit als Kern liberaler Kulturpolitik
An dieser Stelle ist mir eine klare Linie wichtig: Kulturpolitik wird dort gefährlich, wo sie vereinfacht wird. Wo Kunst nach unmittelbarem Nutzen bewertet wird. Wo Kultur auf Gefälligkeit, Eindeutigkeit oder politische Verwertbarkeit reduziert wird. Ein liberaler Zugang zur Kulturpolitik hält davon bewusst Abstand. Er schützt die Freiheit der Kunst und offener kultureller Räume. Kultur ist kein Instrument, das einer bestimmten Erzählung zu dienen hat. Sie ist kein Produkt, das sich ständig rechtfertigen muss.
Populistische Zugänge versuchen genau diese Offenheit zu begrenzen. Sie ordnen Kunst in „brauchbar“ und „überflüssig“. Sie setzen Zugehörigkeit vor Neugier und Erwartung vor Vielfalt. Damit wird Kultur nicht gestärkt, sondern eingeengt.
Ich möchte, dass wir Kultur ermöglichen, statt sie zu normieren. Ich möchte, dass wir Räume öffnen, statt Inhalte vorschreiben. Und ich möchte darauf vertrauen, dass eine offene Gesellschaft mit Vielfalt umgehen kann.
Davon profitieren besonders Kinder und Jugendliche. Denn wer früh lernt, Ambivalenz auszuhalten und eigene Urteile zu bilden, wird nicht abhängig von vorgefertigten Weltbildern.









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