BUDGETDEBATTE: ZUR WIENER KULTURPOLITIK
- 2. Feb. 2021
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Okt. 2022
Die Pandemie hat mit Eintreten des ersten Lockdowns im MĂ€rz 2020 tiefe Spuren im Wiener Kulturleben hinterlassen und fĂŒr eine einschneidende Destabilisierung gesorgt. Gleichzeitig wurde mit der Pandemie auch der politische Reform- und Konzeptstau in der österreichischen Kulturpolitik der letzten Jahre aufgezeigt.
WĂ€hrend die Bundesregierung es verpasst, eine nachhaltige kulturpolitische Strategie zu entwickeln, schlagen wir in Wien einen anderen Weg ein. Jenen Weg, der dem Ruf Wiens als Kulturmetropole gerecht wird. Der auf einem fortschrittlichen KulturverstĂ€ndnis beruht. Kunst und Kultur sollen begeistern. Sie sind Basis fĂŒr eine lebendige und demokratische Gesellschaft. Sie schaffen soziale RĂ€ume, die fĂŒr die Gesamtheit und Vielfalt der Bevölkerung offen sein mĂŒssen. Kunst und Kultur wirken identitĂ€tsstiftend.
STRATEGIE STATT SONNTAGSREDE
Kultur wird in der Fortschrittskoalition den hohen Stellenwert haben, den sie verdient und den alle Kunst und Kulturschaffenden dieser Stadt verdienen. Diese Einstellung spiegelt sich auch im Budget fĂŒr das nĂ€chste Jahr wieder. Trotz schwierigen Zeiten ist es gelungen, das Kulturbudget nicht nur zu halten, sondern um 3,3 Mio. Euro zu steigern.
Es reicht aber nicht, sich auf das Aufstellen finanzieller Mittel zu beschrĂ€nken. Wir haben den Anspruch, die durch die Coronakrise sichtbar gewordenen SchwĂ€chen des Kulturbetriebs zu beheben. Deshalb haben wir im Koalitionsabkommen den Weg zu einer kulturpolitischen Strategie festgeschrieben, der den Herausforderungen der nĂ€chsten Jahren gewachsen ist. Gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren aus dem Kultursektor wird hierbei das zukĂŒnftige kulturpolitische Profil der Stadt sichtbar werden und in Visionen und Zielsetzungen mĂŒnden.
FAIR PAY
Wien ist eine Stadt der Kunstschaffenden. Dennoch ist der Kulturbereich von prekĂ€ren Arbeitsbedingungen, niedrigen Honoraren, geringen Löhnen, unsicheren ArbeitsverhĂ€ltnissen und massiven LĂŒcken im Versicherungsschutz geprĂ€gt.
Hier gilt es, mit gezielten Fair-Pay-MaĂnahmen gerechte und angemessene Bezahlung, faire und transparente Strukturen sowie das Zusammenspiel von institutionellem und freiem Arbeiten zu verbessern. Gemeinsam mit den Interessensvertretungen erarbeiten wir Richtlinien fĂŒr Honoraruntergrenzen fĂŒr unterschiedlichste kulturelle Bereiche und dehnen die kollektivvertraglichen Vereinbarungen auf stadtnahe Institutionen aus. Zugleich setzen wir uns auf Bundesebene fĂŒr ein modernes, an die ArbeitsrealitĂ€t der freischaffenden KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler angepasstes Modell und fĂŒr eine Reform des Arbeits-, Steuer und Sozialversicherungsrechts ein.
ZeitgemĂ€Ăe Arbeitsformen mĂŒssen endlich ermöglicht werden, Schutz vor Altersarmut endlich gewĂ€hrleistet sein.
MEHRJAHRESFĂRDERUNGEN
Das Wiener Fördersystem der vergangenen Jahre hat sich dadurch ausgezeichnet, Förderungen breit zu vergeben, wodurch viele neue Initiativen entstehen konnten. Es fehlte jedoch oftmals an Planungssicherheit. Wenn man nicht weiĂ, wie hoch das Budget nĂ€chstes Jahr ist, kann man auch nicht vorausschauend planen.
Deswegen haben wir uns im Koalitionsabkommen auf das Ziel geeinigt, verstĂ€rkt Mehrjahresförderungen zu vergeben. Damit geben wir Kulturinitiativen die Sicherheit und den Handlungsspielraum, den sie brauchen, um langfristige Investitionen tĂ€tigen zu können, um das kulturelle Leben der Stadt fortdauernd zu bereichern. Es muss auch jungen Projekten ermöglicht werden, zu prosperieren und zu neuen Institutionen wachsen zu können. Auch deshalb streben wir es an, regelmĂ€Ăige Valorisierungen beim Kulturbudget vorzunehmen.
KULTURELLE STADTENTWICKLUNG
Kulturelle Infrastruktur ist gegenwĂ€rtig in Wien vor allem im innerstĂ€dtischen Raum konzentriert. Zugleich mangelt es an leistbaren ProberĂ€umen, Ateliers und Veranstaltungsorten. Durch fachĂŒbergreifende Zusammenarbeit mit anderen Ressorts machen wir Kulturpolitik erstmalig zum Teil der Stadtentwicklung. Wir nennen das Kulturelle Stadtentwicklung. Durch Nutzung von Leerstand, den Ausbau von Vorhandenem, die Schaffung von Synergien, bis hin zu neuen architektonischen Konzepten wird die Kultur wahrnehmbar sein. So werden RĂ€ume geschaffen, die gemeinsam von Kulturschaffenden und Bewohnerinnen und Bewohnern genutzt werden.
Kultur soll bis an die Grenzen der Stadt spĂŒrbar sein und besonders in den bevölkerungsreichen Bezirken gestĂ€rkt werden. Bei diesem Vorhaben werden wir sehr rasch in eine konkrete Wirksamkeit kommen. So unterstĂŒtzen wir kulturelle Ankerzentren, wie beispielsweise das Kulturhaus Brotfabrik in Favoriten, F23 in Liesing oder Soho im Ottakringer Sandleitenhof mit 1 Million Euro. Auch unterstĂŒtzen wir die Weiterentwicklung partizipativer Bezirkskulturprojekte.
Auf diese Art schaffen wir soziale RĂ€ume, die identitĂ€tsstiftend wirken und das GefĂŒhl der Zugehörigkeit und Teilhabe unterschiedlicher Communities am Leben der Stadt vermitteln. Daraus entsteht Gemeinschaft. Aus diesem Grund ist es uns ein zentrales Anliegen, nachhaltig Infrastruktur in dieser QualitĂ€t zu fördern.
Diese RĂ€ume mĂŒssen zugĂ€nglich, leistbar und erlebbar sein. Erst dann wird Kunst und Kultur in ihrer Ganzheit Wirkung entfalten.
ZUGĂNGLICHKEIT
Kunst und Kultur muss in einer modernen Stadt fĂŒr alle zugĂ€nglich sein und darf nicht von Alter, Einkommen oder Herkunft abhĂ€ngen. Deshalb wollen wir Gratis-Angebote und Kulturvermittlung in der Stadt ausbauen, um besonders Kinder und Jugendliche anzusprechen. In einem Kooperationsprojekt mit dem Wien Museum werden die Bezirksmuseen sowohl technisch zeitgemÀà ausgestattet, als auch gemeinsam von Curatorial fellows und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern inhaltlich an moderne Museums-Standards angepasst.
Der freie Eintritt in die neue Dauerausstellung des Wien Museums nach Beendigung der Umbauarbeiten macht die Stadtgeschichte fĂŒr alle erlebbar. Wir arbeiten an neuen Formaten und Angeboten, die ein leistbares und kostenloses Programm fĂŒr alle bietet. Mit dem Kultursommer soll das vielfĂ€ltige Kulturangebot am eigenen Wohnort noch erlebbarer gemacht werden.
FLIMSTANDORT WIEN
Weiterentwickeln werden wir auch den Filmstandort Wien, in dem 6000 Filmschaffende und 3000 Unternehmen in der Filmbranche tĂ€tig sind. Das ist ein enorm hohes kreatives Potential, welches wir mit einer zusĂ€tzlichen Million Euro unterstĂŒtzen werden, damit Wien zukĂŒnftig ein noch attraktiverer Filmstandort mit einer weiter wachsenden, breiten Filmszene wird.
PRODUKTIONSBĂRO FĂR URBANE KULTURARBEIT
Es ist auch Aufgabe der Politik, ein Umfeld zu schaffen, welches der KreativitĂ€t und dem Unternehmergeist der Menschen entgegen kommt. Deswegen schaffen wir das ProduktionsbĂŒro fĂŒr urbane Kulturarbeit. Diese Stelle wird junge Initiativen bei der Umsetzung ihrer Ideen, bei der Leitung von spartenĂŒbergreifenden GroĂprojekten und bei der Sichtbarmachung dieser Unternehmungen unterstĂŒtzen, sowie die Vernetzung mit relevanten Akteurinnen und Akteuren ermöglichen.
DarĂŒber hinaus verankern wir hier eine Expertise fĂŒr innovative Kunst- und Kulturvermittlung, um mit zeitgenössischen Konzepten gezielt Publikum zu involvieren und somit Kunst und Kultur spĂŒrbar in den gesamten Stadtraum zu bringen.
ERINNERUNGSKULTUR
Wir verstehen Wien als eine weltoffene Stadt, die schon bisher und auch weiterhin entschieden gegen aufkeimende rassistische, hetzerische und antisemitische Tendenzen in unserem Land vorgeht. Aus diesem Grund ist die fortlaufende Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte essentiell.
Im nationalen und internationalen Dialog mit Wissenschaft und Zivilgesellschaft werden wir einerseits eine Strategie fĂŒr den Umgang mit historisch belasteten Erinnerungsorten und DenkmĂ€lern im öffentlichen Raum erarbeiten, und andererseits das Projekt zur kritischen Auseinandersetzung mit der Namensgebung Wiener StraĂen weiterfĂŒhren. Ziel ist es, vermittelnde ZugĂ€nge fĂŒr eine aktive, zeitgemĂ€Ăe Erinnerungskultur zu schaffen.
WĂ€hrend sich das Mahnmal fĂŒr die Opfer der Homosexuellenverfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus bereits in Umsetzung befindet, werden wir in dieser Legislaturperiode auch eine Verortung des Gedenkens fĂŒr Roma und Sinti vorantreiben.
KOOPERATION, PARTIZIPATION, AUGENHĂHE
Bei Umsetzung dieser und der vielen weiteren Projekte, auf die wir uns in der Fortschrittskoalition geeinigt haben, werden wir mit Akteurinnen und Akteuren aus der Kulturbranche auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Gelungene Kooperation und Partizipation sind Bedingung und Garant fĂŒr den Erfolg unserer Projekte.
Dabei entspricht es meinem KoalitionsverstĂ€ndnis, nicht in eigenen und fremden Projekten zu denken, sondern in gemeinsamen. Gerade im Wiener Kulturbereich hat dieses gemeinsame Denken, das gemeinsame Tun bereits Tradition. Gute Kulturpolitik bedeutet fĂŒr mich auch eine gute Kultur des Miteinander.
Demnach sehe ich voller Zuversicht und Tatendrang auf die kommenden Jahre, und freue mich auf die Chance, jene Konzepte umzusetzen, die eine nachhaltige Verbesserung fĂŒr die Wiener Kunst und Kultur bedeuten.
Meine Wortmeldung zu den kulturpolitischen Projekten der Fortschrittskoalition, abgegeben im Rahmen der Debatte um den Budgetvoranschlag 2021:









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